Nenette

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©Nadja Klier 2017

Eine Woche vor Ostern sind die ersten wirklich warmen Frühlingstage dieses Jahres angebrochen und halb Paris ist auf den Beinen. Wir vier mittendrin. Zwei Kinder, zwei Erwachsene.Für April ist es mit 26 Grad schon ziemlich warm, Aliza und Luis springen wie zwei junge Fohlen durch die, sehr schön anzusehende, Pariser Häuserlandschaft. Aliza ist 11 Jahre hat Epilepsie und Sonne kann solch einen Anfall begünstigen, so suchen wir an diesem Sonntag Schatten im großen Jardin des Plantes, südlich der Seine. Schon gestern haben wir ein kinderfreundliches Programm gefahren, waren im Parc de la Villette und an der Oper, die metallisch glänzt wie ein silbernes Reptil und danach aufs Kettenkarussell, bis beiden Kindern schlecht war.

Im Jardin des Plantes gibt es eine Menagerie, die ist 225 Jahre alt. Ich habe meinem Sohn Luis den Zoobesuch versprochen. Luis liebt Tiere und geht liebend gern in den Zoo. Zuhause erledigen diese Besuche immer die Omas oder Freunde, weil ich mich sehr schwer damit tue, den Tieren beim Eingesperrt Sein zuzusehen. Aliza ist noch einen Zacken härter als ich und verweigert den Zoo Besuch komplett. Ihr Vater und sie wollen sich auf die Wiese in den Schatten legen.

Eine angemessene Schlange für einen Sonntagnachmittag erwartet uns. Wir umgehen diese und ziehen für diesen altmodischen Zoo ganz neuzeitlich unsere Billetts am Automaten davor und bezahlen mit Visa. Drinnen ist es schattig und kühl, fast feucht. Wir sehen viele kleine, liebevoll gestaltete Gehege mit eher seltenen Tieren. Der Zoo ist klein und wirkt etwas verhutschelt, uralte Bäume ragen über die Gehege, seltene Sträucher mit eigenwilligen Blüten, die ich so noch nirgendwo gesehen habe.

Es gibt ein Schlangenhaus, ein Raubtierhaus und ein Affenhaus… Alle vor 225 Jahren gebaut und immer noch im Originalzustand.

Luis will alle besuchen. Natürlich. Wir beginnen im Schlangenhaus. Stickige, heiße Luft schlägt uns entgegen, eine Lüftung gibt es nicht – das tropische bzw. subtropische Klima stellt sich an solchen Tagen von allein ein.

Die kleinen Tiere da haben es gut. Die großen eher nicht. Drei riesige Krokodile teilen sich einen kleinen Tümpel, umrandet von einer Betonfläche mit einigen tropischen Pflanzen umrankt. Kein Rückzugsort für diese Riesen.

Müssen sich den ganzen Tag anglotzen lassen. Wir laufen ein Oval, wie im Stadion. Am Ende der Kurve gibt es ein Gehege, was mir die Tränen in die Augen treibt. Vielleicht 18 -20 Quadratmeter groß, asphaltierter Boden, zwei Wärmelampen, die von der Decke baumeln. Zwei Riesenschildkröten dümpeln auf dem dreckigen Asphaltboden. Eine Lache Wasser in der einen Ecke, ein ausgefranzter Ballen Stroh auf der anderen Seite. Mühselig schiebt sich der eine Riese zum anderen ran als würde er kuscheln wollen. Warum lässt man diese klugen, warmen Tiere so hausen?

Ich schnappe nach Luft und gehe zügig raus. Luis hinterher. Im Raubtierhaus haben es die Leoparden und Panther schon besser.

Gleiches Oval, diesmal gibt es für die Tiere zum Innengehege auch ein zusätzliches Außengehege. Durch kleine Klappen zwischen Innen und Außen können die Katzen selbst entscheiden, wo sie schlummern oder sich verstecken wollen. Es gibt dicke Äste, Baumstämme und kleine Höhlen. Sie sind natürlich auch beweglicher als die Krokodile oder die Schildkröten. Aber ich finde: gleiches Recht für Alle. Die weniger gelenkigen bekommen also per Se gar nicht die Möglichkeit, sich zu verstecken?

Von den Katzen sieht man nicht viel. Vielleicht hier mal eine wippende Schwanzspitze oder da mal ein zuckendes Ohr – sie scheinen Sonntage mit erhöhtem Besucherverkehr nicht zu mögen. Einzig ein Luchs schaut unverwandt von seinem Hochsitz auf uns Menschen herab. Als würde er sagen wollen. Ihr seid soo langweilig. Herrje.

Ich dränge mich nicht ins Affenhaus. Wir beginnen diesmal Innen. Das Haus ist dem Raubtierhaus baugleich. Außen- und Innengehege für jedes Tier.

Die meisten Affen dösen auf den Emporen. Einzig ein Orang-Utan, es ist ein Weibchen, ist in Bewegung. Sie ist groß, also ausgewachsen und klettert dreihändig ihre Empore hinunter. In der vierten Hand hält sie etwas. Ein Blatt Papier, sorgfältig gefaltet; jedenfalls so sorgfältig, wie für einen Affen möglich. Auf dem Papier sind bunte Farben, wir erkennen grün, gelb, blau und einen roten Streifen. Sie klettert ganz nach unten auf unsere Augenhöhe, beachtet uns jedoch nicht. Was nicht heißt, dass sie uns nicht sieht. Mein Sohn und ich stehen allein vor ihrem Zuhause. In hinteren Teil befindet sich eine vergitterte Tür, so groß, dass ein Mensch durchpasst. Die Käfige müssen ja gereinigt werden. Sie sitzt auf einem Steinpodest neben der Tür und reicht das Papier nun etwas doller gefaltet – ich möchte das Wort geknüllt nicht benutzen, denn ich sehe die Sorgfalt dahinter, durch die Gittertür.

Dort steht ein junger Mann in grüner Montur. Und lehnt seine Stirn an die Tür, schiebt seinen Arm durch das Gitter und nimmt dem Tier das Papier ab und faltet es auseinander. Er schaut lange drauf. Luis und ich schauen stumm zu, was dort passiert.

Dann nimmt er das Papier vorsichtig durch das Gitter der Tür und streckt seinen Arm zur Hand des Affen-Weibchens.

Er hält sie lange fest und spricht ganz leise zu ihr, sie lässt Ihren Kopf auf seinem Arm sinken. Kuschelt sich an. Eine Weile sind die beiden ganz still miteinander . Mir rinnen die Tränen runter. Wie kleine Bäche. Mein Herz zieht sich zusammen. Dann löst sich der Mann von ihr, streichelt ihren Kopf und geht von der Tür fort. Sie sitzt noch einen Moment ganz still, dann klettert sie zurück auf ihr Podest. Ich kann kaum schlucken, so dick ist der Kloß im Hals und sage Luis – „Ich muss hier raus.“ Draußen sitze ich auf der Parkbank vorm Affenhaus und heule wie bescheuert. Mein Achtjähriger drückt mitfühlend meine Hand. Und grinst. „Warum weinst Du so Mama?“ Ich grinse verheult zurück und versuche ihm zu beschreiben, was ich fühle, warum mich das so umhaut. Dass ich voll von Trauer bin und gleichzeitig so tief berührt, weil wir etwas Einmaliges gesehen haben.

Und frage ihn, ob er verstanden hat, was da passiert ist…

Er sagt: „Der Orang Utan hat ein Bild für den Pfleger gemalt.“ „Genau“, sage ich. „Mit Pinsel auf Papier und es sah aus wie eine ganz normale Kinderzeichnung eines vielleicht Drei- bis Vierjährigen…“ „Findest Du das normal?“, frage ich. „Hm…“ Luis schaut mich fragend an. In diesem Moment geht ebenjener Pfleger an uns vorbei. Mit einem großen Bambuszweig in der Hand. Ich kann nicht anders, ich muss ihn fragen, was das gerade war. Mit altem Schulfranzösisch und etwas Englisch gehts irgendwie: „Ist der Zweig für das Orang Utan Weibchen, das Dir das Bild geschenkt hat? Hat sie es selbst gemalt?“ „Ja“, antwortet er sehr freundlich, „sie malt mir häufig Bilder.“ Ich weiter: „Das ist zutiefst menschlich, das ganze Verhalten dieses Tieres und ich bin erstaunt und tief berührt, dass solche Kreativität in der Gefangenschaft funktioniert.“ Er: „Nenette ist die Einzige hier, die das tut und kann. Sie lebt schon sehr lange hier, über 40 Jahre.“

Ich schlucke, ich bin gerade mal vier Jahre älter. „Sie muss Dich sehr lieben, dass sie das macht und mit Dir teilt. Wahrscheinlich nimmst Du sie wirklich wahr und siehst sie“, sage ich zu ihm. „Ja, das tue ich tatsächlich und ich liebe sie auch und freue mich sehr darüber.“ Ich heule wieder los, entschuldige mich dafür bei ihm und wünsche ihm noch viele gute Momente mit Nenette. Luis zupft an meinem Ärmel und findet: es reicht jetzt mit dem Geheule… ich bekomme mich tatsächlich nur schwer ein, bin so dankbar, dass ich das sehen durfte, weil es die Menschen gleich mal woandershin rückt und gleichzeitig traurig, diese intelligenten Lebewesen so eingesperrt sehen zu müssen und darum wissend, dass sie nicht alle so einen liebevollen Pfleger haben.

Wir trudeln zum Ausgang, ich bin noch nicht richtig da, Ingo und Aliza warten auf einer Bank im Schatten… Ich frage, wie es bei Ihnen war. Aliza sagt: „Voll blöd, wir wollten uns einfach nur auf die Wiese unter einen Baum in den Schatten setzen, wie einige andere Leute auch, da kamen ganz viele Soldaten mit Gewehren und vertrieben und alle ganz streng von der Wiese, aus Sicherheitsgründen, wegen der Anschläge.“

Das ist Paris 2017, 225 Jahre später…

Fotos : F-G. Grandin, Frederic Stucin, Nicolas Philibert

2019-08-10T20:18:47+00:00

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